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Weltweit – Haiti 2

Alltag eines jungen Studenten in der Umgebung von Port-au-Prince

Heute in Haiti jung und in Ausbildung zu sein, bedeutet, eine Erfahrung von schmerzhafter Komplexität machen zu müssen, in der die allgegenwärtige Unsicherheit jeden Aspekt meines Alltags beeinflusst. Jeden Morgen, wenn ich das Haus verlasse, begleitet mich eine dumpfe Angst. Werde ich mein Ziel erreichen, ohne auf eine Straßensperre einer Gang stoßen? Werde ich einer Entführung oder einer Schießerei entkommen? Diese Gedanken lassen mich nie los, und doch muss ich raus, weil meine Zukunft davon abhängt.

Die Unsicherheit ist nicht nur eine Bedrohung, sie ist eine Realität, die mich erstickt. In meinem Viertel ist das Geräusch von Kugeln alltäglich geworden. Manchmal wache ich mitten in der Nacht durch das Geräusch von Salven aus automatischen Waffen auf. Diese Szenen der Gewalt hinterlassen tiefe Spuren, nicht nur auf körperlicher, sondern vor allem auf psychischer Ebene. In solchen Momenten ist es unmöglich, zu lernen oder sich auch nur auf etwas zu konzentrieren, weil die Angst alles in Beschlag nimmt.
Der Zugang zu Bildung, der schon unter normalen Umständen kompliziert ist, ist zu einem wahren Hindernislauf geworden. Manchmal muss ich kilometerweit laufen, um von bewaffneten Gruppen kontrollierte Gebiete zu vermeiden, nur um zu einem Kurs an der Uni zu gelangen.

Selbst wenn ich es schaffe, am Unterricht teilzunehmen, lässt mich die Angst nicht los. Im Klassenzimmer werde ich immer wieder von den alarmierenden Nachrichten abgelenkt, die in den sozialen Netzwerken kursieren: Entführungen, Morde, Anschläge. Diese Ereignisse sind keine weit entfernten Geschichten, sie betreffen Verwandte, Freunde und Klassenkameraden. Die Unsicherheit raubt mir meine Konzentration, meine Gelassenheit und manchmal auch meine Hoffnung.
Ich fühle oft eine tiefe Wut in mir. Warum muss ein junger Mensch wie ich unter solchen Bedingungen leben? Warum müssen wir, die Jugend, die Last eines fehlerhaften Systems tragen, das uns unserer Grundrechte beraubt? Es gibt Tage, an denen sich diese Wut in Verzweiflung verwandelt, aber es gibt auch Tage, an denen sie zu einer Stärke wird. Denn trotz allem möchte ich daran glauben, dass ich diese Prüfungen nicht umsonst durchlebe, dass es irgendwann ein Leben geben wird, das seinen Namen verdient.
Inmitten dieses Chaos klammere ich mich an das, was mir bleibt. Mein Glaube, meine Träume und meine Widerstandsfähigkeit, sie sind meine einzigen Waffen. Ich träume von einem Tag, an dem ich meinen Geschäften nachgehen kann, ohne um mein Leben fürchten zu müssen, an dem meine akademischen Bemühungen in einem politisch stabilen Land belohnt werden und an dem ich zum Wiederaufbau eines besseren Haiti beitragen kann.
Heute lebe ich in einem Land, in dem die Zukunft ständig nach vorne verschoben zu sein scheint, nie erreichbar, aber ich weigere mich, mich dem Schicksal zu ergeben. Die Unsicherheit, die mich lähmt, definiert nicht, wer ich bin oder was ich werden möchte. Ich bin überzeugt, dass wir trotz allem auf ein Haiti hoffen können, in dem die Jugend im Mittelpunkt des Wiederaufbaus steht, ein Haiti, in dem Träume nicht mehr von der Angst erstickt werden.

Ich hoffe auf eine Zeit, in der die Hoffnung in den Herzen aller, insbesondere der jungen Menschen, wieder Platz finden kann, damit das Leben strahlt und die Gesichter meiner Brüder und Schwestern ein Gefühl des Friedens, der Freude und der Gelassenheit widerspiegeln. Denn wir können nur hoffen, dass morgen all dies möglich sein wird. Wann wird morgen sein?

Von Moses Israel, Postulant
Student im zweiten Studienjahr der Philosophie

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