Wenn zwei über das Gleiche nachdenken und handeln, kann man sich zusammentun – oder miteinander konkurrieren, was oft in der Ablehnung des je anderen mündet. Das geschieht Gott sei Dank nicht nur, aber doch immer noch zu häufig zwischen Kirche und Psychologie, die sich beide mit der Seele = psychä beschäftigen. Während die humanistische Psychologie mittlerweile mehr Akzeptanz in der Kirche gefunden hat (Coaching, Supervision…), steht sie mit der analytisch orientierten Tiefenpsychologie und Psychoanalyse noch weitgehend auf Kriegsfuß. Dies, obwohl mittlerweile schon 44 Jahre vergangen sind, seit im Katechismus von 1992 (im Pontifikat Johannes Paul II.) eine aufdeckende Arbeit geradezu gefordert wird, um Übertragungen und Projektionen der primären Bezugspersonen auf Gott zu klären und so das Gottesbild, das uns Jesus vermittelt hat, von diesen oft negativen Bildern zu reinigen.
So weist Abschnitt 239 darauf hin, dass, wenn die Sprache des Glaubens Gott ,,Vater“ nennt, sie „aus der Erfahrung des Menschen mit seinen Eltern schöpft, die für ihn gewissermaßen die ersten Repräsentanten Gottes sind. Wie die Erfahrung aber zeigt, können menschliche Eltern auch Fehler begehen und so das Bild der Vaterschaft und der Mutterschaft entstellen. (….) Niemand ist Vater so wie Gott.“ Logischerweise beschränkt sich die Aussage nicht auf die bewussten Elternbilder, sondern muss die unbewussten Bilder miteinschließen, die sich ebenso unbewusst auf Gott übertragen.
Abschnitt 2779 fordert, dass wir, „bevor wir uns den ersten Ruf des Herrengebetes („Vater unser im Himmel“) zu eigen machen, unser Herz demütig von falschen Bildern „dieser Welt“ reinigen sollten. (….) Die Reinigung des Herzens betrifft die Bilder von Vater und Mutter, die aus unserer persönlichen und der kulturellen Entwicklung hervorgegangen sind und unsere Beziehung zu Gott beeinflussen. Gott unser Vater steht über den Begriffen dieser geschaffenen Welt. Wer in diesem Bereich seine eigenen Vorstellungen auf Gott überträgt oder ihm entgegenstellt, schafft sich damit Götzen, die er entweder anbetet oder verwirft.“ Zu ergänzen wäre aus therapeutischer Erfahrung heraus, dass nicht nur die Elternbilder unser Gottesbild prägen, sondern alle relevanten Personen unserer (v.a. frühen) Geschichte. Dass dies zu Widersprüchen innerhalb des je eigenen Gottesbildes (bewusstes – unbewusstes) führen muss, lässt sich kaum vermeiden.
Das ist Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil die Widersprüche zu einem ständigen Hadern mit Gott und dem eigenen Glauben führen, Segen, weil die Widersprüche uns anregen können, sie zu klären und nach dem wahren Gott Jesu Christi zu suchen, der als logos in sich ja nicht widersprüchlich, d.h. unlogisch sein kann.
Aufdeckende Psychotherapie mit Berücksichtigung der spirituellen Seite oder spirituelle Begleitung mit aufdeckender Arbeit an der Geschichte des Betroffenen – von welcher Seite man sich auch nähert, keine wird ohne Berücksichtigung der anderen zu einer erfüllenden Lösung kommen. Die innere Entwicklung des Menschen und seines Gottesbildes lassen sich nicht voneinander trennen. Beides sollte uns Herzenssache sein – weil es genau darum geht: um das Herz und die Liebe, die daraus strömt – oder eben nicht. In der Beziehung zu Gott nicht anders als in der Beziehung zu den Menschen, v.a. denen, die uns nahestehen.
