Bibel hautnah
Unter dieser Rubrik möchten wir uns mit Ihnen in unregelmäßigen Abständen Zeitthemen nähern und sie mit Stellen der Bibel verknüpfen – in mitunter unkonventioneller Deutung. Aber immer nah am Zeitgeschehen und damit auch an uns Menschen. Bibel hautnah eben.
1 Kor 1,20-26: Wo ist ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer in dieser Welt?
Spannende Fragen nicht nur damals in den Jahren nach dem Tod Jesu, sondern auch in unserer heutigen Zeit.
Wortführer gibt es ja genug, oder besser solche, die sich dafür halten. Ob sie nun Präsidenten sind, Politiker oder das, was man heute Influencer nennt. Alle von ihrer eigenen Weisheit überzeugt, alle von der Dummheit anderer lebend, die ihnen oft die Taschen füllen. Von ihnen kann man nicht erwarten, dass Ihre Worte das notwendige Gute für die Menschen in die Welt bringen. Da muss man schon froh sein, wenn sie keinen Schaden anrichten. Im Großen, wie im Kleinen. Weise sind sie jedenfalls nicht, bestenfalls clever.
Schriftgelehrte, die interpretieren, wie etwas zu verstehen ist, gibt es nicht weniger. In jeder politischen Nachrichtensendung, in jeder Talkshow braucht man sie, schlicht weil es bei den Mächtigen aus der Mode gekommen ist, klar zu sagen, was man vorhat, was man tun will, sondern alles so im Offenen lässt, dass man am Ende aus dem Gesagten auch das Gegenteil dessen herausfiltern kann, wenn der Wind sich dreht. Die guten geben sogar zu, dass es auch ganz anders kommen kann, als sie es gerade erklärten. Gott sei Dank ist die Aufgabe der Schriftgelehrten von heute nicht mehr, Regeln zu formulieren, wie in der Zeit Jesu. Wieviel Leid hätte erspart werden können!
Wo ist ein Weiser? Es gibt sie noch in der Wirtschaft – die fünf Wirtschaftsweisen, ob sie allerdings das repräsentieren, was man in der Geschichte unter einem Weisen verstand, darf man sicher bezweifeln. Es gibt viele Fachleute, aber wo sind die Weisen. Die, die mehr verstehen als Ihr eigenes Fach, die auch selbst Klugheit nicht mit Weisheit verwechseln, Menschen, auf die man bauen könnte.
Das Tröstliche im Korintherbrief: Egal wo und wie sie sind – man braucht sie eh nicht. Ganz im Gegenteil sogar, denn nach Paulus hat Gott das Törichte, das Schwache und das Niedrige erwählt, um die Weisen, die Starken und die Hochnäsigen zu vernichten. (Verse 25-29) Vernichten nicht im Sinne von Mord und Totschlag, sondern sie einfach auf den Boden der Realität herunterzuholen.
Der weiseste Satz, den ich in meinem bisherigen Leben hörte, stammt von einer einfachen Frau aus einem schwäbischen Dorf: „D`r Herrgott hot an große Tiergarte“. Es ist ein Garten mit vielen ganz verschiedenen Menschen und die dürfen da auch alle sein – ob sie mir jetzt gerade passen oder nicht. Daseinsrecht für alle! Was wäre das für eine Welt, wenn Menschen wie diese einfache Frau sie prägen dürften. Und wir Gott regieren ließen in all seiner Weisheit.
