Bibel hautnah
Unter dieser Rubrik möchten wir uns mit Ihnen in unregelmäßigen Abständen Zeitthemen nähern und sie mit Stellen der Bibel verknüpfen – in mitunter unkonventioneller Deutung. Aber immer nah am Zeitgeschehen und damit auch an uns Menschen. Bibel hautnah eben.
Num 6,22-27: Der Priestersegen
Der HERR sprach zu Mose: Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen:
Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der HERR wende dir sein Angesicht zu und schenke dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.
Der Herr lasse sein Angesicht über Dir leuchten! Was für ein Bild für die Beziehung Gottes zu den Menschen: ein leuchtendes Gesicht, Ausdruck größter Freude, mit der Gott den Menschen anschaut. Ohne Bedingungen! Das ist die Zusage Gottes an jeden Menschen.
Es ist auch im menschlichen Bereich die zentrale Bedingung, wenn das Leben eines Kindes gelingen soll: Der Glanz im Auge der Mutter (Winnicot). Das Zeichen der Freude über dieses Kind, das die Grundlage für dessen Selbstwert im späteren Leben liefert. Die früheste Erfahrung, ich bin willkommen.
Die Freude am anderen, der so gesegnet wird und im Folgenden auch ein Gesegneter ist, muss überzeugend sein. Beim Priester, der den Segen Gottes vermitteln soll, nicht anders als bei der Mutter zu ihrem Kind. Überzeugend liebevoll!
Wenn ich ein Stück des Weges mit jemandem gehen will, ihm Hilfe sein will, muss ich ihn auch lieben. Ich muss wissen, was den anderen umtreibt, muss ihn kennenlernen, erkennen. Lieben und erkennen sind ein Wortpaar, das biblisch immer schon zusammengehört, das eine ist ohne das andere nicht vorstellbar. Um vom Erkennen zum lieben zu kommen, braucht es den Eros, der mich treibt, im anderen das Liebenswerte zu suchen, das Liebenswerte an diesem Geschenk Mensch, jeder ein Unikat.
So betrachtet, müsste der segnende Priester eigentlich ein Dauerverliebter sein, verliebt in Gott und in seine Mitmenschen, die ihm anvertraut sind. Dann aber auch – da Liebe immer Zeichen braucht – auch ein dauerhaft Zeichen Setzender, in aller inneren Zärtlichkeit, die zur Liebe gehört, aber auch in aller Achtung der Grenzen dessen, der ihm anvertraut ist. Das Zeichen, es ist gut, dass Du da bist und ich freue mich darüber. Mit dem Glanz im Auge, mit dem leuchtenden Gesicht Gottes. Das ist die zentrale Aufgabe nicht nur des Priesters, es ist die zentrale Aufgabe jedes Menschen, diesen ersten Schritt als Liebender zu gehen.
Pedro Casaldaliga, ehemaliger Bischof von Sao Felix do Araguaia/Brasilien, hat diese Vision so in Worte gefasst:
Sie werden Kraft und Zartheit sein,
sie werden die eiserne Maske der Wissenschaft zerbrechen,
um die Seele auf dem Antlitz des Wissens sichtbar zu machen.
Sie werden Brot und Milch küssen und
mit der Hand das Haupt der Kinder streicheln.
Immer sind sie bereit für den unerwarteten Gast und
haben für ihn gedeckt den Tisch und
auch ihr Herz.
Damit das leuchtende Angesicht Gottes in dieser Welt erkennbar wird! Damit spürbar wird, was uns in der Taufe zugesagt ist: Dies ist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter, an dem/der ich mein Wohlgefallen habe. Das gilt, für jedes der Kinder Gottes.

Mit dem Glanz im Auge der Mutter kann man gar nicht früh genug anfangen!
